Es war Anfang des Jahres und ich hatte einen Brief von meinem Vermieter in der Post. Bestimmt hatte wieder irgendjemand den Müll neben die Tonne gestellt.

Aber nein, mein Vermieter kündigte für April bis August Modernisierungsmaßnahmen an. Viele Hamburger werden diese Situation kennen. Erster Gedanke: Mieterhöhung. Zweiter: Umziehen. Dritter: Ich wohne noch keine zwei Jahre hier. Vierter: Lauf, Forrest. Fünfter: Na ja, so schlimm wird es bestimmt nicht. Fahre ich einfach öfter am Wochenende weg. Das wird schon.

Warum ich das erzähle?

Wir haben Juni, die Bauarbeiten sind seit einigen Wochen im Gange und ich befinde mich in der Paraderolle eines Mitarbeiters, dem am Anfang des Jahres angekündigt wurde, dass bald ein umfangreiches Change-Projekt angeschoben wird.

Phase 1: Oje, was kommt da auf uns zu?

Drei Monate lang sind meine Nachbarn und ich mehr oder weniger um das Thema herumgeschlichen. Gelegentlich hat man sich mal im Hausflur dazu ausgetauscht, aber auch eher auf dem Niveau: „Habt ihr das auch gelesen? Na ja, schauen wir mal, was da auf uns zukommt.“ Drei Monate lang wusste ich nicht so genau, was ich davon halten sollte. Denn letztendlich ist das doch etwas Gutes, oder? Wir bekommen neue Balkone, neue Fensterrahmen und vielleicht sogar noch mehr. Wenn man schon dabei ist. Aber nach dem Brief kam erst mal nichts mehr.

Phase 2: Geht’s los?

Am Sonntag vor dem großen Tag wurden alle wach. Eine kurze E-Mail vom Vermieter erinnerte daran, dass es morgen losginge. Also schleppten alle ihre Sachen auf den Dachboden. Auf dem Weg hoch und runter waren genug Begegnungen da, um zu spekulieren und Wissensfetzen auszutauschen: „Ich habe dem Mieter mit Mietminderung gedroht“, „Das geht doch bestimmt länger als nur bis August“ und „Ich bekomme auf jeden Fall keine Mieterhöhung; ich habe einen Staffelmietvertrag“ waren die häufigsten Aussagen. Aber keiner sagte: „Super, dass endlich die alten Balkone wegkommen!“ oder „Mit den neuen Fenstern müssen wir bestimmt weniger heizen!“.

Phase 3: Geht’s schon los?

Eine Woche lang passierte nichts. Täglich kam ich von der Arbeit und fand weder ein Fassadengerüst vor noch einen Brief in der Post. Mit 7 Tagen Verspätung – man rätselt warum – startete es dann doch noch. Fein, ein Gerüst vor der Tür. Na, dann legt mal los.

Ich schwankte zwischen Spannung und Skepsis. Die Skepsis überwog.

Phase 4: Es stinkt.

Von da an waren die nächsten zwei Wochen mit Überraschungen gespickt. Nach dem Gerüstaufbau wurde die Fassade abgebeizt. Das stand nicht in der Ankündigung, aber na gut, ein neuer Anstrich hat noch nie geschadet. Eines Abends waren die Fenster ohne Ankündigung mit Folien zugeklebt (House of Wax ist ein Kindergarten dagegen). Gestank, Lärm, keine Möglichkeit zum Lüften. Die einzige Nachricht vom Vermieter? Eine Mail, dass die Mülltüten nicht neben die Tonnen gelegt werden sollten.

Nach einer weiteren stickigen Nacht schrieb ich meinem Vermieter eine E-Mail, kündigte Mietminderungsgedanken an und bat um Informationen zu dem weiteren Verlauf. Insbesondere zu den Folien, die nach einer kurzen Pause eine zweite Runde an den Fenstern drehten. Amazing.

Und prompt kam eine Mail zurück mit dem detaillierten Zeitplan zu den Baumaßnahmen. Dankeschön.

Phase 5: Okay, verstanden.

Nachdem ich die Übersicht erhalten hatte, ging meine Stimmung automatisch aufwärts. Ich weiß zumindest, was nun auf mich zukommt und kann mich darauf einstellen.

Aber vielleicht hatte das auch etwas mit dem Horror zu tun, als ich den ersten Abend in meiner Wohnung mit den Folien vor den Fenstern verbrachte. Seitdem schockt mich nichts mehr.

Gut gespielt.

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Modernisierungsmaßnahmen – Change-Projekten – haftet vom Prinzip her schon etwas Unangenehmes an. Schade eigentlich, oder? Denn sie sollen ja im Kern etwas erneuern, modernisieren, auf den neuesten Stand bringen. Aber wenn mir nur die reinen Maßnahmen aufgelistet werden, und das noch nicht einmal vollständig, dann schreit mein Mieterherz nicht gerade „Juhu“.

Was wäre in den verschiedenen Phasen notwendig gewesen?

Phase 1

Das große Change-Projekt wird kommuniziert – ich erhalte also nicht nur einen Brief, der alles ankündigt. Ich bekomme im selben Moment

  • alle Informationen rund um das Projekt (z. B. die Zielsetzung, die Notwendigkeit, den Zeit- und Maßnahmenplan)
  • die Möglichkeit, weitere Informationen zu erhalten (per Helpline, Sprechstunde, E-Mail etc.)
  • die Option, direktes Feedback in verschiedenen Phasen abgeben zu können (an ausgewählte Ansprechpartner, per E-Mail oder anonymen Briefkasten)
  • die Übersicht über verschiedene Dialogveranstaltungen, an denen ich teilnehmen kann (um Fragen in der Gruppe stellen, mich zu solidarisieren, Sorgen loszuwerden)

Phase 2 und 3

Die Fragen „Wann geht es eigentlich los?“ oder „Warum geht es noch nicht los?“ sollten niemals gestellt werden müssen. Wenn sich Termine verschieben, ist das kein Weltuntergang. Nur wenn diese Änderungen nicht kommuniziert werden. Schließlich haben sich alle schon gedanklich darauf eingestellt … und dann passiert einfach nichts.

Phase 4

Haben Sie auch wirklich alles kommuniziert, was die MitarbeiterInnen interessiert? Vergessen Sie die Zwiebeltaktik und legen Sie die Fakten auf den Tisch. Ich möchte wissen, was da alles auf mich zukommt. Reißen Sie das Pflaster mit einem Ruck ab.

Phase 5

In unserem obigen Beispiel konnte ich – nachdem ich endlich alle Infos zusammen hatte – das Ganze irgendwie akzeptieren und mich darauf einstellen. Denn ich fühlte mich plötzlich nicht mehr fremdbestimmt. Dieses Gefühl zu verhindern sollte also das oberste Ziel sein. Geben Sie Ihren MitarbeiterInnen alle Möglichkeiten, um Informationen zu erhalten, sich einbringen zu dürfen und Feedback einzukippen. So müssen sie nicht einfach bei allem zusehen, was mit ihnen passiert. Die MitarbeiterInnen sind teil des Prozesses. Und sollten sich darum nicht, wie oben beschrieben, mühsam die Dinge zusammen klauben.

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